MarkusGoerlich/ Projekt Herausforderung

Die Frage einer passenden Begleiterausbildung beschäftigt mich schon lange. 2015 bin ich das erste Mal als Begleiter im Projekt Herausforderung mitgefahren. 3 Jungs zwischen 12 und 14 wollten auf der Mecklenburgischen Kleinseenplatte mit dem Kanu unterwegs sein. Als langjähriger Trainer im Sportbereich, Pfadfinderleiter und Ausbilder für Jugendleiter im Rahmen der JuLeiCa dachte ich: Kein Problem - das packst du schon! Du wirst ja auch schließlich Lehrer...

Mein Vorsatz war klar: Ich wollte für mich herausfinden, inwieweit ich mich zurückhalten kann. Ich fragte mich: Wie viel traue ich den Jugendlichen wirklich zu? Kann ich sie wirklich ihre eigenen Wege gehen lassen, ohne mich sofort einzumischen?


Begleiterausbildung Kanu

Da ich kurz zuvor an einem Führungskräftetraining im Rahmen einer Sommerakademie der Studienstiftung teilgenommen hatte, schwirrten u.a. die folgenden Fragen in meinem Kopf:

  • Was bedeutet pädagogische Führung im Kontext des Projekts Herausforderung?
  • Welche professionelle Haltung ist dazu notwendig?
  • Welche „Führungsstrategien“ sind in welcher Situation als Begleiter*in passend?

Die ersten Tage

... liefen super: Mittlerweile drehten wir uns mit dem Kanu nicht mehr im Kreis - das richtige Steuern hatten die Jungs recht schnell raus: Check. Zeltaufbauen und Kochen lief so mittelmäßig, aber ich hatte immer mehr als genug zu Essen: Check. Mit Geld umgehen und Leute um Hilfe bitten klappte auch immer besser: Check. Daher gab es keinen Grund, mich einzumischen. Kleine Streitereien waren schnell vergessen - nach einem anstrengenden Paddeltag bei bestem Wetter ins kühle Nass zu springen hielt die Stimmung stets hoch.

Eine erste Krise: Überschätzung

Am 8. Tag war es ziemlich windig und Regen zog auf. Unser nächstes Etappenziel lag nur etwa eine halbe Stunde entfernt. Wir waren an dem Tag gut voran gekommen. Nach einer kurzen Pause in einem Seefreibad paddelten wir los. Die Jungs hatten den Wind unterschätzt. Am Ufer war davon nichts zu spüren, aber ab der Mitte des Sees trieben wir mit unseren beiden Kanus mehr zurück, als das wir voran kamen. Für 500 m hatten wir über eine halbe Stunde gebraucht, Erschöpfung machte sich breit. Die Jungs wussten nicht weiter. Ich hab mich entschieden einzugreifen und ihnen mitgeteilt, dass bis zum Ufer das Kommando bei mir liegt. Durch den von mir vorgegebenen Zick-Zack-Kurs haben wir dann auch die letzten 200 m geschafft. Jedoch erst nach weiteren 30 Minuten, denn der Wind war inzwischen deutlich stärker geworden. Die Jungs hatten die Lage falsch eingeschätzt und sich weit überschätzt. Letztlich kamen wir in einem Yachthafen unter. Dank der Verwalterin konnten wir heiß duschen, unsere Sachen Waschen und wurden erstmal kräftig verpflegt. Auch die Übernachtung im Haus wurde uns gewährt.

Begleiterausbildung Regenbogen


Am selben Abend

2 Stunden später schien wieder die Sonne. Zunächst wollte keiner zugeben, dass er Angst hatte. Deshalb hielt ich mich absichtlich etwas mehr im Hintergrund, redete kaum, half beim Kochen und beobachtete sie. Auch beim Essen war es heute verdächtig still. Auf mein "Alles klar? Geht es euch gut!" bekam ich nur ein kurzes "Ja". Ich bohrte nach und regte die Jungs zur Reflexion an. Nach wenigen Minuten entstand ein sehr offenes Gespräch. Irgendwann gab einer zu, dass er Angst hatte. Tränen flossen bei den Jungs und einer nach dem anderen öffnete sich. 

Sie machten weitere Pläne, wie sie offen und ehrlich miteinander umgehen konnten, wie sie bei Gefahr reagieren wollen, wann sie um Hilfe fragen, aber vor allem, wie sie auf die Befindlichkeiten untereinander Acht geben wollten. Nach ca. 2 Stunden Gespräch im 40°C warmen Heizungsraum des Yachthafens hatte ich nicht mehr das Gefühl mit Jugendlichen in einem Raum zu sitzen. Ich durfte zuschauen, wie 3 junge Männer ein intensives, leidenschaftliches und dennoch achtsames Gespräch führen, wie ich es nur selten mit Erwachsenen erlebt habe.

Wie es weiter ging

In den nächsten Tagen war die Stimmung völlig verändert. Nach einer weiteren Heimweh-Krise in der zweiten Woche der Herausforderung, kamen wir schließlich am Berliner Hauptbahnhof an.  Seit dieser absolut spannenden Erfahrung als Begleiter, für die ich von den Jungs sehr viel Wertschätzung erfahren hatte, habe ich oft darüber nachgedacht und mit Fachleuten diskutiert, inwiefern die Zurückhaltung in der Rolle des Begleiters hilfreich ist, aber auch Gefahren birgt.

Zurückhaltung um jeden Preis?

Nach wie vor, halte ich das Projekt Herausforderung für die beste Chance, dass sich Jugendliche in kurzer Zeit enorm weiterentwickeln. Ein sehr sicherer Rahmen mit hoher Betreuungsquote, die es bei keiner Klassenfahrt oder Ferienfreizeit gibt, ermöglicht diese Entwicklungssprünge.


Dies kann aber nur gelingen, wenn wir die Begleiter*innen entsprechend ausbilden. Die Begleiter befinden sich in einer Art Zwitterrolle zwischen Zurückhaltung und Sicherheit. Für mich ist die professionelle Begleiterausbildung der wichtigste und sensibelste Aspekt im Sicherheitskonzept von Schulen, die das Projekt Herausforderung durchführen - nicht zuletzt, um den Anforderungen zur Aufsichtspflicht nachzukommen. Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich über ein Jahr eine Begleiterausbildung in Zusammenarbeit mit erfahrenen Schulsozialarbeitern, Universitäten und Praktikern der Jugendleiterausbildung ein passendes Konzept erstellt.


Inhalt der Begleiterausbildung 

Die Begleiterausbildung basiert auf einer systemischen Führungstheorie, die in der Arbeitsgruppe um Prof. R. Heifetz (Harvard University) entwickelt wurde. Das so genannte „Adaptive Leadership“-Konzept setzt dabei auf Begriffsdefinitionen in bildhafter Sprache. Erst die Bildsprache ermöglicht die Förderung des Reflexionsvermögens in komplexen Führungssituationen, da die Begriffe klar voneinander abgegrenzt sind. Wir haben die Sprache im Rahmen eines Forschungsprojekts weiterentwickelt und in den pädagogischen Kontext des Projekts Herausforderung transferiert. Dabei ist ein Führungsleitbild für die Begleiterrolle entstanden, was sich als gewinnbringend erwiesen hat.

Ziele

Die wesentlichen Ziele der Begleiterausbildung:

  • Stärkung des Reflexionsvermögens sowie der Selbstbeobachtungskompetenz.
  • Klärung der pädagogischen Rolle der Begleiter*innen im Rahmen des Projekts.
  • Vorbereitung auf typische Situationen im Projekt mit klaren Handlungsstrategien für Notfallsituationen, Konfliktmanagement etc.

Ein detaillierter Lernzielkatalog kann hier per Email angefordert werden.

Darüberhinaus werden die geforderten Themen der national anerkannten Jugendleiterausbildung (JuLeiCa) behandelt: u.a. Versicherung und Haftpflicht, Aufsichtspflicht, Gewalt- und Sexualprävention, Planung strukturierter Maßnahmen.

Zielgruppe

Die Begleiterausbildung eignet sich besonders für:

  • (angehende) Lehrer*innen sowie Quereinsteiger*innen
  • Student*innen aus pädagogischen Fachbereichen
  • Lehrer*innen, die Jugendliche einer anderen Schule begleiten möchten

Aus unserer Sicht, liegt jedoch auch ein großer Mehrwert in einer gemischten Gruppe aus Student*innen, Eltern, Senioren und Führungskräften aus Unternehmen, die sich als Begleiter*innen engagieren wollen. Wir haben dazu ein spezielles Ausbildungsprogramm entwickelt. Erfahre mehr dazu im Rahmen unseres Community-Learning Ansatzes.

Methodik

Die Methodik der Begleiterausbildung ist analog zum Projekt Herausforderung sehr erfahrungsorientiert. Sie lebt davon, dass sich die angehenden Begleiter*innen tiefgreifend mit sich selbst und ihrer Verhaltenslogik beschäftigen. In einem geschützten Rahmen können Teilnehmer*innen sich selbst erproben, ihre Grenzen erfahren und konstruktiv an ihren persönlichen Entwicklungsbedarfen arbeiten, sodass sie optimal auf ihre Rolle als Begleiter*innen im Projekt Herausforderung vorbereitet werden.

Turmbauspiel in der Begleiterausbildung

Kosten

Je nach Anpassungsbedarf der Schule betragen die Kosten für die 3- bis 5-tägige Begleiterausbildung zwischen 1500 und 2000 Euro. Die Kosten können größtenteils refinanziert werden. Als offizielle JuLeiCa-Ausbilder liegen die typischen Fördersummen der Städte/Kommunen für unsere Begleiterausbildung bei 12-17 Euro pro Tag pro Teilnehmer*in. Wir helfen gerne bei den entsprechenden Antragsverfahren.

Warum wir diese Schulung anbieten?

  • Auf Basis unserer Erfahrung im Projekt Herausforderung haben wir festgestellt, dass die klassische Gruppenleiterausbildung nicht ausreicht, um der anspruchsvollen Rolle gerecht zu werden.
  • Für uns ist das Projekt Herausforderung nicht nur ein Riesengewinn für die teilnehmenden Schüler*innen, sondern auch für die Begleiter*innen, die sich in einer spannenden Führungsrolle erproben können. Die Begleiterausbildung, die im Rahmen eines Forschungsprojektes entwickelt wurde, stellt insgesamt einen großen Mehrwert für die (meist ehrenamtlichen) Begleiter*innen dar – weit über das Projekt hinaus. Sie reflektieren sich als Person in einem Führungskontext, was ihnen später im Klassenraum oder anderswo enorm weiter hilft.

über den Tellerrand geschaut

  • Wir möchten einen Beitrag zur Weiterentwicklung der pädagogischen Professionalität leisten. Die Begleitung einer Gruppe im Projekt Herausforderung veranlasst die Begleiter*innen oftmals zu einem intensiven Selbstreflexionsprozess über ihre eigene pädagogische Haltung und Rolle. Sie nehmen im Projekt die Rolle eines Lernbegleiters ein, die in innovativen Lernformaten notwendig ist, insbesondere dann, wenn diese großen Wert auf die Förderung der Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit von Schüler*innen setzen.
  • Das „Adaptive-Leadership“-Konzept bildet dabei eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die kontinuierliche Evaluation und Verbesserung der Ausbildung. Somit werden die Chancen für eine professionelle Verbreitung des Projekts Herausforderung deutlich erhöht. 

Es ist unser Herzensanliegen, dass alle Jugendlichen die Chance bekommen, eine für sie passende Herausforderung zu erleben - dafür halten wir eine fundierte Begleiterausbildung für absolut notwendig!


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