MarkusGoerlich/ Projekt Herausforderung, spannende Bildungsprojekte

Rituale im Übergang zum Erwachsenwerden: 

“Wir reisen nicht nur an andere Orte, sondern auch in andere Verfassungen unserer Seele.“  - Werner Bergengruen  


In unserer westlichen Kultur gibt es für junge Menschen, anders als z.B. in indigenen Kulturen, wenig Möglichkeiten, das Kindsein rituell hinter sich zu lassen. In vielen anderen, vor allem naturverbundenen Kulturkreisen, begeben sich die Jugendlichen beispielsweise mehrere Tage alleine in die Natur, um im Anschluss von ihren Angehörigen als erwachsener Mensch in Empfang genommen zu werden.

Die Schüler*innen gehen durch das Projekt Herausforderung auf ihre ganz persönliche Reise zu sich selbst. Diese findet in einem Rahmen statt, welcher einen gewissen Aspekt von Sicherheit gibt. Dennoch wird den Jugendlichen ein Schritt in das Unbekannte ermöglicht, den sie selbstständig bewältigen müssen.

Auf dieser Reise, sei es in Form einer selbstorganisierten Paddeltour in einer kleinen Gruppe, einer mehrtägigen Fahrradtour, etc. geht es vor allem auch darum, auf eine innere Reise zu gehen. Dabei ist nicht die zurückgelegte Entfernung ausschlaggebend, sondern in erster Linie das auf sich selbst gestellt sein, das Unbekannte, die Konfrontation mit den eigenen Widerständen, Ängsten und Stimmen. Dabei lernen sie sich unweigerlich selbst näher kennen.

Reisend Lernen Reiseroute

Innere und äußere Reisen im Spiegel der Heldenreise

Die innere Reise der Jugendlichen im Rahmen des Projektes Herausforderung lässt sich sehr gut anhand des Heldenreisemodell des Mythenforschers Joseph Campell verbildlichen: Der Forscher fand heraus, dass sich die Geschichten und Märchen aus den verschiedensten Gegenden unserer Welt in ihrem Aufbau sehr ähneln. Man kann sie ebenfalls als Initiationsgeschichten sehen, bei der sich ein Mensch auf den Weg in das Abenteuer begibt, gegen Widerstände ankämpfen muss, letztlich einen Schatz erhält um dann wieder mit neuen Erfahrungen und einem veränderten „Ich“ in die gewohnte Welt zurück zu kehren. Genauso wie der/die Held*in wird der Ruf des Abenteuers auch von den Jugendlichen vor ihrer Herausforderungen vernommen, aber auch die vielzähligen Widerstände, sich tatsächlich auf den Weg zu machen. Die jungen Menschen haben vor dem Aufbruch in das Ungewisse ihrer persönlichen Herausforderung die unterschiedlichsten Gefühle: Eine Mischung aus Neugierde, Aufregung - aber auch Ängste und Zweifel machen sich bemerkbar.

Der Geschmack des Unbekannten 

Dieser Zeitpunkt, wenn die Tür bereits geöffnet ist und die Jugendlichen durch den Spalt ein Schild mit der Aufschrift Projekt Herausforderung sehen können, kann einige Jugendliche in ihre Panikzone bringen. Das Unbekannte klingt von der Ferne oft reizvoll und abenteuerlich, steht es einem jedoch direkt gegenüber, möchte der/die eine oder andere vielleicht doch lieber die Tür schnell wieder zu machen und sich lieber wieder in den Klassenraum zurück flüchten. Diese Phase vor dem Aufbruch hat jedoch ein sehr großes Potential für die Reflexion und tiefgreifende Wahrnehmung der eigenen Widerstände, sich dem Unbekannten hinzugeben.

Eigene Widerstände wahrnehmen

Das ganzheitlichen Selbsterfahrungstraining „Reisend Lernen" von Navigaia Journeys ist eine simulierte Reiseerfahrung und basiert auf dem Heldenreisemodell. Es macht den Jugendliche u.a. Mut für den Schritt in das Unbekannte und den persönlichen Lebensweg, wobei die Phase der Widerstände eine wichtige Rolle spielt: Durch verschiedene Übungen werden innere und äußere zweifelnde Stimmen hörbar gemacht, welche die jungen Menschen oft davon abhalten, das zu tun, was sie eigentlich machen möchten bzw. können. Die anschließende Beschäftigung mit den eigenen Stärken, die eigentlich bereits zum Zeitpunkt vor dem Aufbruch im Reisegepäck vorhanden sind, stärkt die Schüler*innen für ihre Reise.

Die Vorbereitung des Projektes Herausforderung durch Lehrkräfte, Eltern und Begleiter*innen hat u.a. auch die Funktion, den Schüler*innen als Mentorinnen über die Schwelle in die unbekannte Herausforderung zu verhelfen.

Innere Bereitschaft für eine Herausforderung und Ermutigung für das Unbekannte

Was meiner Meinung nach jedoch sehr wichtig an dieser Stelle ist, ist die innere Bereitschaft der Teilnehmer*innen für ihre Herausforderung. Der Schritt in das Unbekannte muss nicht mit einem „Ja ich will“ aus dem vollen Brustton der Überzeugung erfolgen. Zweifel und Ängste sind Teil des Prozesses. Die Jugendlichen sollten vor ihrem Abenteuer fühlen, dass sie auch trotz der Widerstände ihren Weg gehen können. Auch für das Finden der persönlichen Herausforderung ist eine intensive Beschäftigung mit den eigenen Widerständen aber auch Stärken von Vorteil.

„Wir haben keine Angst vor dem Unbekannten. Wir fürchten, was wir denken zu wissen über das Unbekannte.“ - Teal Swan


Reisend Lernen ermöglicht in einem geschützten Rahmen, Jugendliche für vielfältige Erfahrungen mit dem Unbekannten zu ermutigen: Sei es für einen Auslandsaufenthalt, eine Reise, die Wahl der eigenen Berufslaufbahn nach dem Schulabschluss oder die Umsetzung eines bereits lang ersehnten Wunsches bzw. Planes in ihrem Leben. Durch die Reisesimulation, welche unterschiedliche ganzheitliche Methoden nutzt, können die Jugendliche sich auf ihr persönliches Abenteuer vorbereiten. Sie können Neugierde entwickeln, Perspektiven wechseln und sich selber den Raum für das Wahrnehmen ihrer selbst nehmen. Diese Art von Vorbereitung unterstützt gerade diejenigen Schüler*innen in ihrem Prozess, welche vor dem Projekt Herausforderung sich innerlich noch nicht bereit fühlen. Es kann auch denjenigen helfen, welche sich noch nicht richtig bewusst sind, was für sie persönlich eigentlich eine gewählte Herausforderung ist, welche sie am besten in ihrem Wachstum unterstützen könnte.

Reisend Lernen Jugendliche vor Boot


Den eigenen Schatz finden

Ist  der Gang über die Schwelle in das besondere Abenteuer gelungen, begegnen den jungen Menschen vielzählige Herausforderungen: sei es im Team, bezogen auf sich selber oder durch äußere Einflüsse. Die Bewältigung dieser lässt die Teilnehmenden wachsen und reifen.

Der Schatz der Held*innen ist im Endeffekt, neben einer prägenden und abenteuerlichen Erfahrung, die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und eine bewältigte Reifeprüfung der besonderen Art. Bei der Reflexion im Anschluss des Projektes werden wichtige Ankerpunkte gesetzt, das Gelernte in den Alltag zu integrieren.

Jede Reise hat ein großes transformatives Potential für die Reisenden. Es ist wichtig, den Reise- bzw. Herausforderungsprozess ganzheitlich zu betrachten, damit das Abenteuer für die Jugendliche nachhaltig wirken kann. Die drei Wochen beispielsweise im Boot auf der Seenplatte sind demnach für die Entwicklung der Jugendlichen zwar ein sehr wichtiger, aber nicht der einzige ausschlaggebende Teil der Reise: Sie beginnt mit der ersten Gedanken an das Projekt - dem Ruf - und endet mit der Nachbereitung im Anschluss, bevor wieder ein neuer Ruf die Jugendliche in unbekannte Welten aufbrechen lässt.

„Man kann Bewusstsein nicht erdenken, man kann es nur durch Erfahrungen entwickeln, die uns Aufschluss darüber geben, wer oder was wir sind. Kein Buchwissen wird daher jemals unser Bewusstsein verändern.“ -   Bernd Kolb 


Über Veronika Mercks und Navigaia Journeys

Veronika Mercks ist eine Potentialentfalterin, Initiatorin und Tänzerin. Als  Kreative schafft sie Erfahrungsräume und begeistert sich für das individuelle Reisen sowie für Persönlichkeitsentwicklung. Nach ihrer zweijährigen Arbeit an einer Hamburger Schule als Teach-First-Fellow und einer knapp 9-monatigen Reise mit dem Rucksack durch mehrere afrikanische Länder und Indien baut sie seit Anfang 2018 die Bildungsinitiative Navigaia Journeys auf. Die Bildungsinitiative unterstützt Menschen durch das Thema Reisen auch auf ihren inneren Reisen, schafft Mut für den authentischen Lebensweg sowie das Unbekannte und Neue.

Über Reisend Lernen

Das Selbsterfahrungstraining simuliert eine Reiseerfahrung und schafft so für Jugendliche kurz vor dem Schulabschluss Raum für die Auseinandersetzung mit den eigenen Zielen und Stärken, aber auch inneren und äußeren Widerständen. Durch Erfahrungen, die man so ähnlich auch auf einer tatsächlichen Reise machen könnte wecken die Trainer*innen Neugier und Mut, individuelle Entscheidungen unabhängig von externen Erwartungen zu treffen und sich auf das Unbekannte einzulassen.

Vielfältige Übungen aus der Erlebnis- und Abenteuerpädagogik, Interkulturelle Psychologie, Theater- & Tanzpädagogik, Achtsamkeitsforschung und Ritualarbeit werden kombiniert. Die Jugendlichen machen durch die Ebenen Kopf, Herz und Körper ganzheitliche Erfahrungen, die sie u.a. für die Berufsorientierung und den Umgang mit inneren und äußeren Konflikten stärken.  

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